Dienstag, 7 April 2008    
     

Jetzt sind wir seit vier Tagen in unserem neuen Zuhause aber ich denke ich kann auch für Gyps sprechen wenn ich sage, wir könnten es uns beide nicht vorstellen wieder in Berlin zu sein. Wobei wir auch viel Glück mit dem Wetter hatten bisher. Zwar wird es in den Nächten schon recht kalt, aber tagsüber Sonne pur und über 20 Grad. Aber da wir ohne Radio, TV, Zeitung sind, können wir auch die Temperatur nur raten.

Aber, zurück zum Anfang, aber wo fängt man an, bis auf dass die letzten Tage nur noch Rennerei waren, allgemein durch das Einpacken, von Behörden zu Behörden laufen, einkaufen, versuchen nichts zu vergessen, am vorletzten Tag doch noch umziehen mit zwei Katzen in Svenjas Einzimmerwohnung – und dann, am 3.4. zum Flughafen, ich mit meiner Flugangst und Gyps mit der Verantwortung uns alle trotzdem hier her zu bekommen. Und der Abschied von Svenja und all den Freunden war das Härteste – sich zu verabschieden ist immer der harte Teil. Dabei habe ich es nur geschafft mich von einem sehr kleinen Teil meiner Freunde und Bekannten zu verabschieden – ob gewollt oder nicht? Ich kann mit Abschieden nicht gut umgehen.
Wenn ich jetzt hier auf dem Patio sitze, rechts von mir die riesigen Bergabhänge, zum größten Teil mit Urwald bedeckt, dann scheint das alles so unwahrscheinlich weit weg in der Vergangenheit zu liegen. Wie man in England so schön sagt, „it only takes a stepp to start a journey”.
???

Ich hatte die Tochter einer Freundin eingeladen mit zu fliegen. Cristinas Mutter und überhaupt Aigas, Britas, Friggas, usw. Familie kommen auch aus Rolandia, meiner Geburtsstadt. Cristina lebt in England, Aiga, Brita und Una in Gramado, Christinas Schwester in Florianopolis und ihre Mutter immer noch in Rolandia. Aber Am 5.4. hatte Cristinas Schwester ein großes Abschlussfest in Florianopolis, ca. 800 km von Nova Petrópolis. Ich wollte auf jeden Fall garantieren dass unsere Katzen nicht zurück bleiben müssten sollte ich es nicht in den Flieger schaffen, also hatte ich Aiga eine Reise zu mir und mit mir zurück angeboten, aber Aiga hatte leider keinen Pass bereit, dafür aber die Idee Cristina einzuladen, dann könne die Familie hier komplett feiern.

Am Mittwoch waren wir mit den Katzen noch beim Amtstierarzt, und am Donnerstag früh mussten wir noch zur Botschaft diese „Auswanderngsdokumente“ der Katzen zu legalisieren. Dann war Gyps zwischendurch Cristina am Flughafen abholen, noch mal zur Post mit der letzten Kiste mit übrig gebliebenen Dingen, Blumen für unsere Lieblingspostbeamtin, Abschied nehmen und zum Flughafen.

Am Flughafen fühlte ich plötzlich, dass ich gar keine Wahl hatte mit zu fliegen oder nicht, ich wusste die Katzen würden mich brauchen. Meine Flugangst hatte an dem Tag angefangen, als ich mit meiner drei Monate alten Tochter Svenja ins Flugzeug gestiegen war – jetzt musste ich wieder mit zwei „Babys“ fliegen und die Idee hatte mir schon seit Monaten den Schlaf geraubt – Schiff nehmen, fliegen, bis Spanien, dann Schiff, der Stress, den ich mir aufgebaut hatte schien unüberwindbar geworden zu sein und hat mir auch die Ruhe geraubt mich von meinen Freunden ruhig zu verabschieden und die Dinge zu besorgen, die ich doch so gerne noch hätte mitgenommen.

In den Flieger zu kommen mit Katzen ist schon die Hölle. Wir sollten unsere wilden Hauskatzen aus den Kisten nehmen damit diese durchleuchtet werden könnten, „oder wollen Sie Ihre Katze auch durchleuchten lassen?“. Gyps hatte zum Glück eine Idee, die total verunsicherten Tiere wurden in einen verschlossenen Raum gebracht, die Kisten wurden zum durchleuchten gebracht und die Miezen durften wieder rein. Start und Landung waren für alle Miezen und mich ein Horror, Entspannungsübungen, Atemübungen, gut zureden, und wir landen in Frankfurt. Dort hatte ich nicht viel Zeit Angst aufzubauen, Rennerei um den Anschluss zu schaffen, Miezen wieder aus den Kisten „oder sie fliegen ohne Katzen“ und wieder rein, und dann in die Ölsardinenbüchse für knapp 12 Stunden. Ich habe Angst vor dem Fliegen, aber auch wenn ich diese nicht hätte, freiwillig würde ich nie wieder einen Transatlantikflug nehmen, und Lufthansas guter Ruf ist auch nur noch ein Ammenmärchen. Man ist nur eine Nummer, die Beine haben keinen Platz, der Rest auch nicht, die Miezen mit ihren acht Kilos auf dem Schoß. Aber, man will ja nach Brasilien kommen – und immer im Hinterkopf „irgendwas wird passieren“.

Wieder Atemübungen, Selbstsuggestionen, etc. etc. Dann, ca. 2 Stunden über dem Atlantik, sackt Gyps plötzlich neben mir zusammen, er wurde kreidebleich, reagiert nicht mehr. Zum Glück war eine Stewardess sofort zur Stelle. Wir haben versucht ihn zu sich zu bringen, und als er endlich die Augen aufmachte hatte er nicht mehr Zeit etwas zu sagen, er hatte die unglaublichste Oralverklappung, und das über sich selber, mich, den Sitz, den Stewart und jedem der es wagte zu nahe zu kommen. Es hörte gar nicht wieder auf. Dann bekam er eine Flasche Cola zu trinken und kam langsam wieder zu sich. Als er halbwegs wieder bei Sinnen war verschwand er auf einer Toilette. Als er nicht wieder erschien brach bei mir Panik pur aus – eine Stewardess machte die Tür gewaltsam auf  - Gyps stand in Unterhosen und versuchte seine Hosen zu waschen, die wohl das Meiste abbekommen hatten. Es dauerte 2 Stunden bis er wieder normale Körpertemperatur hatte. Der ganze Sitz wurde ausgewechselt, die Lehne mit noch einer Decke zugedeckt, den Boden hatte ich versucht sauber zu bekommen, aber es war ziemlich vergebene Liebesmühe.
Zum Glück saß ein sehr netter junger Mann hinter uns, der mir vorher schon gesagt hatte, dass er und seine Frau manchmal mit ihrer Katze fliegen würden, dass diese auch nur etwas Homöopathisches bekäme. Ich hatte mir ja genügend Meinungen eingeholt um total verunsichert zu sein. Azetpromazin, welches Gyps erst vorgeschlagen hatte, sei total überholt, würde die Katzen zwar ruhig stellen, äußerlich, aber sie würden viel geräuschempfindlicher und bekämen alles mit, fühlten sich aber gelähmt. Valium – schönen Dank, damit habe ich genügend Erfahrungen gehabt. Zum Schluss habe ich mit meiner inneren Stimme und Frau Damms Idee Übereinstimmung gefunden – wir nehmen alle gar nichts, Augen zu und durch. Er hat sich Guapito angenommen und ich versuchte jetzt Mully und Gyps im Auge zu behalten.

Zwei Stunden lang hatten wir Turbulenzen, immer wieder erinnern, Flugangstkurs „Turbulenzen sind unangenehm, können dem Flugzeug aber nichts antun“ und nach Stunden, die mir wie Tage vorkamen, landeten wir dann in Sao Paulo pünktlich und ich war alle und die Katzen auch und ich wollte nicht weiter fliegen. Mullino kam mir apathisch vor, Guapito hatte sich schon vor Stunden unter seine Decke gebuddelt, war nur noch ein Häufchen Elend, und ich wollte mit den Katzen nur noch in ein Hotel. Da musste Gyps wirklich volle Arbeit leisten um uns drei auch wieder in einen Flieger zu bekommen, denn ich konnte nicht mehr. Die Müdigkeit von den agen zuvor wurde auch immer deutlicher.
Zwischendurch hatte ich wenigsten Mullino, dem Größten, erlaubt den Oberkörper etwas aus der Kiste zu strecken. Sofort war ein Steward da „Bitte die Katze wieder in die Kiste“. „Ich gebe ihr nur gerade etwas Wasser“. Nach dem 10. Mal meinte er nur „Sie geben ihm aber oft Wasser“. „Ja, er braucht das!“

Wir hatten in Berlin sehr viel Glück gehabt, dass wir beim Einchecken eine Katzenliebhaberin erwischt hatten die wenig Ahnung hatte. Sie sah sich die Katzen an, freute sich an ihnen und schrieb fünf und sechst Kilos auf. Beide wiegen mit Kiste ca. 9 Kilos, also haben wir über 200 Euros gespart.
Dann in Sao Paulo einchecken, was bei der TAM noch komplizierter war, und für einen Angstpatienten bestimmt nicht gesund wenn man gefragt wird, wer in Falle eines Unfalles benachrichtig werden soll J , tausend Fragen zu den Katzen, eine dicke Wolkendecke.
Da bei mir der Start und die Landung ein Problem sind, und man uns sagte dass wir in Florianopolis noch zwischenlanden müssten, da war bei mit schon wieder das Fass voll. Große Achtung vor meinen beiden Begleitern, die weiterhin ruhig blieben und mich mit ins Flugzeug lotsten. Auch in Sao Paulo sollten die Katzen raus aus den Kisten, aber diesmal war ich arglistig, erzählte dem Beamten, dass man in Berlin ein ganz tolles System habe, man nehme alle Decken raus und ein Beamte könnte dann mit der Hand reinfassen, da meine Katzen niemanden etwas tun würden. Mullino wetzte sich schon die Krallen, war aber so verängstigt, er hätte in diesem Moment wirklich niemandem etwas getan. Decken wurden rausgenommen, Kisten und Katzen inspiziert, und dann, um besonders gründlich zu sein, wurden die Zentimeter dicke Decken durchleuchtet – man musste doch noch etwas gründlicher sein als die Berliner Kollegen. Katzen bekamen einen Aufkleber „Transport von lebendigen Tieren“ (????) und wir durften in den Flieger. Die ersten zehn Minuten waren holprig, ich war garstig mit Gyps, aber als wir über Florianopolis kreisten wurde mir plötzlich klar wie wunderschön die Landschaft war. Vor der Küste zig ganz kleine Inseln, eine Landzunge, Boote, Sonnenschein. Plötzlich kam bei mir die Freude hoch, wir waren in Brasilien!! Gyps meinte noch ich solle doch die Fensterklappe runterziehen, damit e für mich leichter sei zu fliegen, aber ich wollte jetzt alles mitbekommen und sehen.
Die letzte Etappe, Florianopolis - Porto Alegre machte mir dann nichts mehr aus. Meine liebe Freundin Aiga wartet auf uns mit Ihrem Mann Hilario, Jennifer, eine Nichte von Aiga, wartete auf Cristina, die mussten per Bus abends gleich weiter nach Florianopolis – hätte Christina von der Zwischenlandung gewusst, dann hätte sie sich vieles ersparen können.
Von dort noch zwei Stunden zu unserem Grundstück – wo die Familie immer noch dabei war umzuziehen. Erst ein Zimmer schließen, Katzen raus, Wasser und Futter in den Raum und Tür schließen. Völlig ungläubige Gesichter, wo man doch hier Katzen nur zum Mäusefangen hat und die übrigen werden umgebracht, was soll denn das??
Ein riesen Willkommen und alle reden zur selben Zeit, Oma, Frau, Mann und noch ein paar Freunde und Verwandte die beim Umzug helfen – mein erster Eindruck, Chaos total, aber das Grundstück genau so wie ich es mir vorgestellt habe, das Haus viel, viel dreckiger und renovierungsbedürftig als man sich vorgestellt hatte. Jetzt, wo alle Möbel raus waren kamen riesen Löcher, Dreck usw. zum Vorschein und die Rasenflächen doch etwas steiler als man auf den Bilder sah, aber alles trotzdem sehr schön.  Sofort musste uns alles gezeigt werden, die sieben Hühner, der Hahn, die Glucke mit 7 Küken, eine Glucke im Gras beim Brüten, usw. usw. – und wir merkten trotzdem, man hatte aber auch alles aus dem Haus und den Schuppen geräumt, und das was noch drin war wurde auch sofort gesagt man werde es noch in den „nächsten Wochen abholen“. Und so sieht es bis heute aus. Jeden Tag kommt „Donna“ Anita, grüßt „Donna Veronica“ sehr lieb, geht in den Gemüsegarten als ob es ihrer sei, gibt den Küken Wasser als ob wir das nicht könnten, und es dämmert uns langsam, diesen Abnabelungsprozess müssen wir durchstehen, hoffentlich ohne einer Auseinandersetzung. Jetzt sind wir eigentlich erst drei ganze Tage hier, aber es ist als ob ich schon immer hier gelebt hätte.

Aiga und Brita hatten an alles für uns gedacht, einmalig, von Bettwäsche zu Handtüchern, alles was das Herz oder der Magen begehren kann, und wir sind auch sehr, sehr früh total alle ins Bett gefallen und gleich eingeschlafen. Und wir waren auch genau um eins wieder hell wach, also sechs Uhr deutsche Zeit. Tee trinken, reden und wieder schlafen. Eine gut geschlafene Nacht, mitten in der Pampa, und doch fühlten wir uns geborgen und gut.
Am nächsten Morgen erst mal alles erkunden. Beim ersten Spaziergang meinte Gyps plötzlich ich solle stehen bleiben, Schlange, und was für eine Schlange – ein riesiges, schwarz weißes Biest. Als Britta und Jessica nachmittags kamen waren wir sie nochmals suchen, aber sie war weg. Am selben Abend erzählte dann Sr. Alfredo – der schon wieder etwas abholen war - , dass diese großen, schwarzen Schlangen nicht giftig seien, allerdings suche sie ihre Kuh – er meinte diese Schlangen nuckeln an Kühen, und da seine Kühe alle weg waren, suche sie diese noch. Ob es stimmt oder nicht, das kann ich nicht beschwören.

Brita wieder zu sehen nach ca. 30 Jahren war schon ein Erlebnis. Wir hatten am 19 Januar 2007 angefangen uns per email zu schreiben, da sie genau wie ich, vor ein paar Jahren aufs Land ziehen wollte und es auch getan hat. Wir fingen mit kleinen Mails an, die immer länger wurden, von Gemüsesamen, Blumensamen über Töchter wurde so ziemlich alles besprochen, und jetzt schien es mir ich kenne sie schon ewig. Kennen tue ich sie schon ewig, denn auch auf Kindergeburtstagen meiner Tante waren immer alle Roosen-Runge-Kinder, und wenn ich bei Tantchen mal durch die Bilderbücher schaute, dann sah man immer einige mit auf den Bildern. Aber seit Sao Paulo in den 70 hatten wir uns aus den Augen verloren. Sie kam mit so vielen „goodies“ aus ihrem Garten, von Kakis, Guavas, Mandiok, mehr als wir zwei hier allein verzehren können.

Wir erkunden immer neue Ecken dieses Grundstückes, und es gibt immer wieder ganz Neues zu entdecken. Den Gemüsegarten hat Dann Anita sehr gut bestückt hinterlassen und ich „darf“ mir auch nehmen was ich will. Salat, Radieschen, Ruccula, Pepino Melonen, und Xu-Xu rankt wild über den Zaun. Heute früh war sie wieder da, geht automatisch dort hin, pflückt sich was sie will, und meint immer wieder ich solle mir doch nehmen was ich wolle.
Gyps hat bei einem Spaziergang viel grünen Bambus gefunden, und was man hier Ingwer nennt, ich denke aber es ist Galgant und nicht Ingwer.

Als ich am ersten Morgen in der Küche am Fenster stand, sah ich einen Vogel den ich noch nie im Leben gesehen hatte. Es war zwar etwas weit, aber ich konnte sehen er war riesig, lief wie ein Marabu, war grau, einen riesengrossen  Kopf, und mir total unbekannt. Am zweiten Tag konnte ich Gyps noch rechtzeitig rufen damit er mir wenigstens bestätigen konnte, dass ich keine Fata Morgana gesehen hatte. Gestern nun kam der Bruder von Dona Anita um uns sein Auto zum verkauf anzubieten – Nachrichten verbreiten sich hier sehr schnell – er war ganz aufgeregt, er habe eine Ciriema gesehen, ein Vogel der vom Aussterben bedroht ist und den es kaum noch gibt, und es sei ein sehr, sehr gutes Omen für uns, dass dieser Vogel uns ausgesucht habe um sich hier nieder zu lassen. Er sei kaum mal gesichtet worden. Ich hoffe sehr, ich kriege ihn mal vor die Linse.
Was kann man sagen über ein Grundstück was eigentlich nur schön ist. Rechts sind die hohen Berge zu sehen, die noch zum Grundstück gehören, die zwar nicht so weit aussehen, jedoch so einen Kilometer weit sein sollen, zum großen Teil in Urwald bekleidet, teils als Kreidefelsen zu sehen. Ich schaue oft in der Nacht dort hin und überlege mir was da so alles in diesem Wald passiert. Man sieht immer, zu jeder Zeit, Gaviões, ein Jagdvogel und Urubus – Aasgeier  - fliegen, und überhaupt, von Kolibris bis Wasservögel und einer Ema, eigentlich alles. Leider auch sehr viele Wespen, am zweiten Tag mussten wir hier Tonnen mit Papier verbrennen um die Wespen, die in Umzugslaune waren, davon abzuhalten zu uns mit einzuziehen – ich habe Ihnen aber klargemacht, dass ich gerade eingezogen sei und auch gerne noch hier wohnen will. Der Bauer kam später und hielt kurzerhand eine brennende Fackel unter ein Nest und ich bat ihn sofort aufzuhören. Es muss doch auch andere Alternativen geben. Am Tag darauf waren wieder welche auf dem Anmarsch, also wieder eine Tonne mit Rauch darunter und schon waren sie der Meinung es sei kein guter Ort für sie. Aber die sollen immer vor einem gossen Regen oder vor Wintereinbruch in Umzugslaune sein. Wenn der Winter kommt sollen sie ganz verschwinden- wenigstens ein Vorteil des Winters.